ROLF SCHÖNLAU
 

How long is now?

So lange wie der zumeist vergebliche Versuch andauert, Kairos beim Schopfe zu fassen, hätte man in der Antike gesagt. Für die Griechen und Römer war die Zeit nicht nur gleichförmig fließend und von Chronos regiert, sondern auch eine Reihe günstiger Augenblicke, die in Gestalt des davonfliegenden Gottes Kairos dargestellt wurde. Sein lockiges Vorder- und kahles Hinterhaupt zeigte sinnbildlich, dass man die gute Gelegenheit meist erst zu ergreifen sucht, wenn sie schon vorüber ist. Für einen Maler des Barock wie Tiepolo, der a fresco malte, wäre es der unwiderruflich kurze Moment gewesen, bis der Kalkputz abgebunden hat. Ein Fotograf um 1850 hätte mit der Zahlenversessenheit seiner Epoche auf die 20 Sekunden verwiesen, die das Modell für ein Visitenkartenporträt stillzuhalten hat. Heute bemisst sich das Jetzt nach der minimalen Zeitspanne zwischen der Wahrnehmung eines Objektes und den Erklärungen, die Google Glass dazu liefert.

 

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