ROLF SCHÖNLAU
 

Ohne Worte


Onkel Josef war geizig. Aber wir Kinder mochten ihn. Natürlich hätten wir gern ein bisschen mehr zum Geburtstag bekommen oder mal ein kleines Geschenk zwischendurch. Doch daran war bei Onkel Josef nicht zu denken. Er war nun mal geizig. Wann er anfing, auch mit seinen Worten zu geizen, ist schwer zu sagen. Wortkarg war er schon immer gewesen. Anstatt zu grüßen, hatte er oft nur genickt. Bestenfalls etwas Unverständliches vor sich hingebrummt. Wir dachten uns auch nichts dabei, als er keine richtigen Antworten mehr gab. Es hieß einfach, Onkel Josef sagt kein Wort zuviel. Damit war die Sache erledigt.

Auffällig wurde es eigentlich erst, als er anfing, Buch zu führen über die Wörter, die er täglich verbrauchte. Onkel Josef hat Angst, dass ihm die Wörter ausgehen, sagten wir im Scherz. Doch war uns ganz und gar nicht zum Lachen zumute, wenn wir ihn stundenlang über seinen Tabellen sitzen sahen. Freuen konnte er sich nur noch, wenn es ihm gelungen war, den wöchentlichen Verbrauch um ein paar Wörter zu senken.

Wir setzten natürlich alles daran, ihn zum Sprechen zu bringen. Doch er passte auf wie ein Luchs, dass ihm kein unbedachtes Wort entschlüpfte. So machten wir uns einen Spaß daraus, besonders verschwenderisch mit unseren Worten umzugehen und alles doppelt und dreifach zu sagen. Doch bald ging uns auf, dass sich die Worte abnutzten. Je öfter man sie gebrauchte, desto weniger bedeuteten sie. Wenn man ein einziges Wort fünfzigmal hintereinander vor sich hinsagte, wurde es ganz leer, und es blieb nur ein Klang zurück. Onkel Josef dagegen kam mit immer weniger Worten aus, und die wurden immer wertvoller. Wir Kinder saßen stundenlang schweigend bei ihm, in der stillen Hoffnung, dass unsere Worte auch so viel wert würden wie seine. Doch sie bekamen einfach nicht das erhoffte Gewicht.

Es musste daran liegen, dass unser Umgang mit den Worten insgesamt zu leichtfertig war. Wir machten es also wie Onkel Josef und hielten den Mund. Auch in der Schule. Aber die Lehrer bestanden auf Antworten. Sie konnten es nicht ertragen, dass wir unsere Worte für uns behielten. Dabei waren sie selbst äußerst unbedacht in ihrer Wortwahl. Wenn sie sagten, sie hätten noch ein Wörtchen mit uns zu reden, wussten wir, dass ein Wortschwall auf uns niedergehen würde. Wir galten als mundfaul. Das war uns nur recht, denn damit hatten die Leute eine Erklärung und wir unsere Ruhe. Untereinander verständigten wir uns schriftlich. Nicht dass wir lange Briefe schrieben. Dazu waren uns die Worte zu teuer geworden. Auch beim Schreiben suchten wir das treffende Wort. Was zum Glück im Sinne der Lehrer war, so dass wir unsere Noten halten konnten. Irgendwann ging uns ein Licht auf. Onkel Josef hatte sich aufs Schreiben verlegt! Die Wörter, die er im Laufe eines Tages benutzte, ergaben einen Satz. Jede Woche hatte ihren Absatz, der Monat sein Kapitel und die Jahre schrieben Geschichten im Buch des Lebens, an dem Onkel Josef arbeitete.

Wir setzten alles daran, sein Geheimnis zu entschlüsseln. Dazu mussten wir seinen Wortverbrauch lückenlos protokollieren, was nur in den Schulferien möglich war. Abends saßen wir über seinen Gesammelten Worten und suchten nach einem Sinn. Hieß der Satz des Tages: „Wenn Ägypten ein Ei mit Rahmen gehört, muss ich das schneller, Zinnober?“ Oder: „Das Zinnober gehört Ägypten schneller, wenn ich ein Ei mitrahmen muss?“ Oder etwa: „Wenn ich ein Ei schneller mit Zinnober rahmen muss, gehört das Ägypten?“ Kam ausnahmsweise mal ein halbwegs verständlicher Satz heraus, wie: „Das und das geht trotzdem nicht für mich zu“, waren wir fast ein wenig enttäuscht. Um den Zusammenhang der einzelnen Sätze kümmerten wir uns vorerst nicht. Das wollten wir uns aufsparen für die Zeit nach den Ferien, wo es unmöglich war, Onkel Josefs Wortverbrauch vollständig zu überwachen.

Seltsam, dass uns nie Zweifel kamen. Im Gegenteil. Je wunderlicher das Projekt wurde, das wir Onkel Josef unterstellten, desto höher stieg unsere Achtung vor seiner Leistung. Später fragten wir uns manchmal, was sein wahres Motiv gewesen sein mochte: Sportlicher Ehrgeiz, mit immer weniger Worten auszukommen? Die Suche nach den letzten Worten? Oder war er doch nur ein Geizhals, der sich die Worte vom Munde absparte? Als es mit ihm zu Ende ging, keiner hatte damit gerechnet, von Krankheit keine Spur, da verlor er kein einziges Wort.


Copyright: Rolf Schönlau

Die Ordnung ist der Wirtschaft Kern


So heißt das Motto im Haus-Kassa-Buch, das sich bei einem Paderborner Trödler fand. Wer das Haushaltsbuch führte, ist nicht verzeichnet. Doch schon die gediegene Ausstattung lässt vermuten, dass es sich um eine begüterte Familie handelte. Ein Eindruck, der sich bestätigt, sobald man sich eingelesen hat in die Sütterlinschrift und zu entziffern beginnt, welche Summe für welchen Zweck ausgegeben wurde. Von Klaus’ Taschengeld (0,10 RM) bis zur Einkommensteuer (2.536,30 RM) ist jeder Betrag minuziös registriert.

Angefangen wurde das Buch am 1. November 1934. Da zum Monatsersten als Übertrag aus dem Vormonat ein Bestand bei F. (wohl Fritz, dem Hausherrn) und A. (wohl Alice, der Hausfrau) registriert ist, kann man davon ausgehen, dass das Haus-Kassa-Buch nicht das erste seiner Art war, das vom Hausherrn geführt wurde. Vermutlich von ihm selbst, denn er wird kaum einem anderen Familienmitglied Rechenschaft über jedes einzelne Glas Bier (0,30 RM) abgelegt haben, das er sich leistete.

Die tadellose Buchführung erklärt sich, sobald man auf die regelmäßigen monatlichen Beiträge für die Kaufmännische Vereinigung stößt. Der Hausherr hat offenbar ins Private fortgesetzt, was er schon von Berufs wegen machte. Mit dem Haus-Kassa-Buch führte er im kaufmännischen Sinne das Hauptbuch der Familie, in das drei weitere Haushaltsbücher eingingen: die von Fritz und Alice und das von Erna, zweifellos die Haushälterin, die bei einem Monatslohn von 30 RM in der Familie angestellt war.

Was das Ende der Aufzeichnungen angeht, so ist man auf Spekulationen angewiesen. Sicher ist nur, dass die Seite 45 am 19. Mai 1935 ordentlich abgeschlossen wurde und ab Seite 67 keine Eintragungen mehr vorhanden sind. Die dazwischen liegenden 21 Seiten wurden herausgerissen, ebenso die Seiten 70 bis 92. Ob es weitere Eintragungen gab, ist nicht zu ermitteln.

Warum aber wurden die Seiten entfernt? Pure Achtlosigkeit ist als Erklärung kaum plausibel, wenn man bedenkt, mit welcher Sorgfalt das Buch geführt wurde. Dass man die leeren Blätter in der Nachkriegszeit gut gebrauchen konnte, weil Papier Mangelware war, gäbe schon eher einen hinreichenden Grund ab. Doch warum beließ man dann sechs unbeschriebene Seiten im Buch, riss aber die rechte Hälfte der Doppelseite 45 heraus, wo sie doch beschrieben war?

Bleibt vielleicht als Erklärung, dass mit dem Herausreißen gewisser Seiten etwas getilgt werden sollte. Womöglich kompromittierende Hinweise – etwa auf die NSDAP? Bei den mannigfaltigen Beiträgen für Vereine und Organisationen wie Loge, Kaufmännische Vereinigung, ev. Männerwerk, ev. Frauenhilfe, vaterländischer Frauenverein, Oratorienverein, Jagdklub, Heimat- und Verkehrsverein und den vielen kleinen Summen für Kollekten, Muttertagsplaketten, Eintopfspenden, Winternothilfe und dergleichen findet sich kein einziger Eintrag, der auf eine politische Partei verweisen würde.

Immerhin schrieb man das Jahr 1935, und die Nazis waren allgegenwärtig. In Sachsen-Anhalt nicht weniger als anderswo, denn dass die Familie hier lebte, geht eindeutig aus den Aufzeichnungen hervor. Die Rückfahrkarte nach Halle kostete 4,40 RM, die Fahrt mit dem Autobus nach Köthen 1,70 RM. Woraus sich als Wohnort Dessau oder Bitterfeld ergibt, denn die häufigen Theater- und Konzertbesuche, die niemals mit einer Anfahrt verbunden waren, sprechen für eine größere Stadt.

Auf die Geschäfte des Hausherrn verweisen nur die 566,46 RM, die er als 5 Prozent Zinsen zum Jahresende 1934 „an die Firma“ zu zahlen hat. Um was für eine Firma es sich handelt, bleibt offen. Die familiäre Ausdrucksweise legt allerdings nahe, dass er direkt oder indirekt daran beteiligt war. Wozu er die geliehene Summe von ca. 11.000,- RM benötigt haben mag, darüber gibt das Buch ebenfalls keine Auskunft.

Die Familie wohnte während des gesamten dokumentierten Zeitraums zur Miete, standesgemäß in einem Haus mit Garten, worauf schon die eigens angelegte Rubrik „Kleidung und Garten“ hindeutet. Die Monatsmiete betrug 83,20 RM. Die Nebenkosten beliefen sich etwa im Dezember 1934 auf 30,67 RM für Strom, 25,73 RM für Gas und 125,04 RM für Heizmaterial.

Ein eigenes Auto dürfte die Familie nicht besessen haben. Man fuhr mit dem Autobus oder der Bahn. Bezeichnend ist, dass der Hausherr sich gleich im Mai 1935 das neue Kursbuch (0,50 RM) zulegte. Ob die häufigen Reisen – Schwerin, Magdeburg, Basel und Berlin – eher privater oder geschäftlicher Natur waren, ist nicht zu entscheiden. „Gottfried für Autofahrten“ (20 RM) heißt es pauschal am 20. Dez. 1934, sicher wurde damit auch die Fahrt nach Berlin abgegolten, wo man insgesamt etwa 170 RM für Weihnachtsgeschenke ausgab, natürlich im Kaufhaus des Westens.

Gottfried, wie aus den Aufzeichnungen zum 21. April 1935 hervorgeht, gehörte zur Familie, denn Gottfrieds und Ursels (Familie muss man wohl hinzufügen) sowie Lotte bekamen jeweils 10 RM zu Ostern, wohingegen Elses Ostergratifikation 3 RM betrug. Die Gleichbehandlung von Gottfried, Ursel und Lotte könnte darauf hindeuten, dass es sich um erwachsene Kinder handelte, von denen nur Lotte noch unverheiratet war und im elterlichen Haus lebte. Neben Klaus natürlich, dem Jüngsten, der noch kurze Hosen trug und zu Weihnachten ein Feuerwehrauto (5,50 RM) und eine Peitsche (0,15 RM) geschenkt bekam.

Zum engeren Familienkreis dürften noch Ernst, Trudchen, Heinz, Paul, Max und Vogels gehört haben, die in der Jagdsaison alle mit Hasen, Fasanen oder Rebhühnern bedacht wurden. Nicht zu vergessen die Mutter und Mutter Wilsing, womöglich die Schwiegermutter des Hausherrn, die als Empfänger von Kakteen und Chrysanthemen auftauchen – nicht einfach von Blumen, denn im Haus-Kassa-Buch heißt es in schöner Genauigkeit: Dahlien, Erika, Heidekraut, Tannengrün, Laub zum Dekorieren, Hyazinthen, Begonien, ein Veilchenstrauß, ein Blumenkranz, Stiefmütterchen, Vergissmeinnicht oder Tulpen.

Im gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Familie kam den häufigen Theater- und Konzertbesuchen (3 Billets: 10,50 RM) eine herausragende Bedeutung zu. Gelesen wurde als Tageszeitung der Anhalter Kurier (Monatsabonnement: 2,00 RM), dann die Berliner Illustrierte (0,20 RM), eine Radiozeitung und natürlich ein Jagdjournal. Bücher scheinen keinen besonders hohen Stellenwert gehabt zu haben, zumindest ist neben Schulbüchern für Klaus nur ein einziges Mal der Kauf eines Buches (5,50 RM) notiert. Dafür war der Hausherr ein begeisterter Kinogänger. In den dokumentierten sechs Monaten muss er mehr als ein Dutzend Filme gesehen haben. Außerdem ging er einmal monatlich in die Loge und im November und Dezember gleich achtmal auf die Jagd.

Zu den Annehmlichkeiten, die er sich mindestens einmal wöchentlich gönnte, gehörten Massagen (12er Karte: 16,50 RM) und elektrische Lichtbäder (Februar: 22,50 RM), denen eine positive Wirkung bei Nervosität und innerer Unruhe zugeschrieben wurde. Sollte der Hausherr darunter gelitten haben, erklärte das auch den auffällig hohen Konsum an Phanodorm (2,48 RM), einem starken Schlafmittel, das mal unter ihm selbst, mal unter der Hausfrau verbucht ist.

Dank der ordentlichen Buchführung wissen wir auch von einem Familienvergnügen, das man nicht unbedingt erwartet hätte. Es wurde leidenschaftlich gern Karten gespielt: Skat, Rommè, Schafskopf und Doppelkopf – und zwar um Geld. Mindestens dreißig Mal in einem halben Jahr, wahrscheinlich öfter, denn notiert sind nur die Verluste, gewonnene Beträge kamen vielleicht in eine spezielle Spielkasse. Um gute Kartenspieler dürfte es sich allerdings kaum gehandelt haben, denn nicht selten waren höhere Beträge als Verluste zu verzeichnen, so etwa 8,70 RM am 26. Dezember 1934.

Man muss davon ausgehen, dass auch die Hausfrau spielte, denn im November, dem einzigen Monat, in dem die persönlichen Ausgaben zwischen Hausherr, Hausfrau und Familie aufgeschlüsselt sind, soll auch sie zweimal verloren haben. Daraus und aus den Ausgaben für einen Skatblock und ein Kartenspiel ist wohl zu schließen, dass man mit Freunden zuhause spielte, wobei das Ehepaar summa summarum um die 60 RM verlor. Zusammen mit fast 50 RM für Lose ergibt das in sechs Monaten einen Betrag von 110 RM für Lotterie und Spiele. Eine erhebliche Summe, wenn man bedenkt, dass eine Kinokarte 0,80 RM kostete und die Monatsmiete für das Haus mit Garten 83,20 RM betrug.

Abgesehen vom November, der in jeder Hinsicht ein Musterbeispiel an Buchführung darstellt, finden sich zum Abschluss eines jeden Monats Positionen mit der Bezeichnung „Diverse Ausgaben“, „Diverses“ oder „Verschiedenes“, unter denen pauschale Summen von 20 RM, einmal sogar von 40 RM verbucht sind. Dass auch die gewissenhafteste Buchführung über einen längeren Zeitraum nicht ohne derartige Ausgleichsbeträge auskam, wirkt geradezu beruhigend bei der Lektüre des Haus-Kassa-Buches.

Schließlich wäre heute kaum jemand in der Lage, eine vergleichbare Auflistung seiner monatlichen Ausgabe vorzulegen. Was sicher nicht allein mit einem laxeren Umgang mit Geld zu tun hat, sondern auch auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass es vergleichsweise wenige Konsumartikel waren, die vor drei Generationen den Lebensstil einer wohlhabenden Familie ausmachten.


Copyright: Rolf Schönlau
erstveröffentlicht in: Mitteldeutsche-Zeitung, 30.07.2009

Nachlese


Wie Großvater war rüstig. Noch mit Achtzig stieg er auf den Dachfirst, um einen Sturmschaden zu beheben. Ick kann dat na, sagte er im Brustton der Überzeugung, als die Mutter vorsichtig nachfragte, ob man vielleicht nicht doch besser einen Dachdecker holen sollte. Oder wenn die britischen Panzer auf dem Weg zum nahe gelegenen Truppenübungsplatz wieder einmal das Kopfsteinpflaster aufgerissen hatten, nahm er kurzerhand seine Werkzeugkiste und den kleinen Hocker und setzte sich auf die Straße, um die losen Steine einzuklopfen – einmal sogar mitten in der Kurve. Wat jü nu immer hät! brummte er die Nachbarn an, die ihn ermahnten, doch wenigstens ein Hinweisschild aufzustellen.

Natürlich hielt er sich eine eigene Zeitung, die Freie Presse. Zwei Zeitungen im Haus – für die Mutter die reine Verschwendung! Dem Großvater dagegen wäre nie in den Sinn gekommen, sich die Zeitung zu teilen, auch wenn er sie morgens als Erster bekommen hätte, weil der Vater auf Arbeit war und die Mutter auch erst am Abend Zeit hatte für ihren Fortsetzungsroman, oft sogar erst am Wochenende die gesammelten Folgen auf einmal las.

Großvater nahm sich die Zeitung gleich nach dem Frühstück vor. Er breitete sie auf dem Tisch in seiner Wohnstube aus und studierte der Reihe nach Seite für Seite, wie ein Buch, in dem man auch nicht beliebig herumliest. Wenn er durch war, nach einer Stunde oder zwei vielleicht, in der die Großmutter geräuschlos in ihrer kleinen Küche hantierte oder einfach schweigend mit ihm in der Stube saß, faltete er die Zeitung sorgsam zusammen, strich sie glatt und legte sie auf dem Vertiko ab, zur wiederholten Lektüre am Abend.

Ob er der Großmutter manchmal daraus vorlas? Mag sein, selbst darin gelesen hat sie bestimmt nie. Wenn sie die Zeitung überhaupt einmal anfasste, dann ganz behutsam, beinahe ehrfürchtig, wie ihre Sammeltassen, die sie nur in die Hand nahm, wenn es gar nicht anders ging. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sich Großvaters Zeitung auszuleihen. Wer hätte sie ihm schon wie ungelesen zurückgeben können?

Die alten Zeitungen kamen in die Holzkiste am Herd, zum Feuermachen; aber auch um sich Schuheinlagen daraus zu schneiden oder Schubladen und Regale auszulegen brauchte man sie. Und wenn Großvater die Sense dengelte oder mit dem Pfriem ein neues Loch in den Schulterriemen vom Ranzen stach, immer legte er eine Zeitung darunter. Zu handlichen Blättern geschnitten, hing sie an einem Nagel auf dem Abort mit Sickergrube, den der Großvater dem modernen Wasserklosett vorzog. Für Horst ein Ort für erste geheime Leseübungen, unter erschwerten Bedingungen allerdings, denn allzu oft fehlte das halbe Wort, so dass das Lesen zum Ratespiel wurde.

Vielleicht, weil die alten Zeitungen allgegenwärtig waren, fiel lange nicht auf, dass Großvaters Zeitungen nach Großmutters Tod nicht mehr in die Holzkiste wanderten. An seinem Alltag hatte sich durch ihren Tod nicht viel geändert: Er machte Feuer, schnitt sich Schuhsolen, dengelte die Sense, ging auf den Abort und blieb der Freien Presse treu. Das Schlafzimmer hatte er auch früher schon verschlossen gehalten, wegen der Aktentasche mit den Papieren, die er im Kleiderschrank verwahrte. Damit er sie sofort zur Hand hatte, wenn nachts ein schweres Gewitter niederging und sich alle im Hausflur versammelten, bis die Gefahr vorüber war.

Dass er auf einmal selbst sein Bett bezog, hätte die Mutter stutzig machen müssen, denn bei der Hausarbeit zu helfen, wäre ihm früher nie in den Sinn gekommen. Aber sie war froh über jede noch so kleine Entlastung und legte ihm die frische Wäsche, wie zu Großmutters Lebzeiten, auf die Stube. Sie dachte sich auch nichts weiter dabei, als er sagte, in seiner Schlafkammer bräuchte sie nicht sauberzumachen, da kümmerte er sich schon selber drum: Ick make koin Dreck.

Beim Frühjahrsputz kam dann ans Licht, was Großvater mit seinen Zeitungen machte. Es war ein milder Tag, ideal zum Fensterputzen, und da die Mutter mit allen anderen Fenstern durch war, nur das von Großvaters Schlafzimmer fehlte noch, und er gerade nicht da war, holte sie sich kurz entschlossen den Schlüssel – es war kein Geheimnis, wo er hing – und betrat zum ersten Mal seit Großmutters Tod das Zimmer.

Zuerst, so erzählte sie dem Vater beim Abendbrot, sei ihr nichts Besonderes aufgefallen: Das Zimmer frisch gelüftet, das Bett ordentlich gemacht und Wollmäuse hätten auch nicht herumgelegen.  Aber dann – laut loslachen können hätte sie oder schreien. Stattdessen hatte sie nur Ach, du leeve Tied! gerufen: Ach, du leeve Tied!

Und dann erzählten die Kinder – einer dem anderen ins Wort fallend – wie sie nach oben gerannt waren – und wie die Mutter – mit dem Fensterleder in der Hand – wie sie auf die gegenüberliegende Wand gezeigt hatte – wo sich die Zeitungen türmten – seine ganzen alten Zeitungen – wochenweise gebündelt – und dann die Wochenbündel  zu Monaten zusammengeschnürt – Berge von Zeitungen!

Ja, er hätte sie gezählt, bestätigte Horst dem Vater, der sich denken konnte, wie viele es waren: zehn Monatspacken, ein Wochenbündel und ein paar lose Zeitungen – die Zeit seit Großmutters Tod.


Copyright: Rolf Schönlau

Der Neophyt oder The Caucasian Invasion


Sie kämen aus dem Kaukasus, hieß es, als die Pflanzen vor einigen Jahren sporadisch in unseren Wäldern auftauchten. Auch, dass sie in ihrer alten Heimat längst nicht so groß würden wie hier, erst die klimatischen Bedingungen in unseren Breiten sorgten für den Riesenwuchs. Doch nicht nur aus fernen Gegenden, auch aus anderen Zeiten schienen die Pflanzen zu stammen, die truppweise am Wegrand standen und sich so gar nicht in die Größenverhältnisse eines mitteleuropäischen Waldes fügten. Mit armdicken Stengeln und Blättern, größer als die von Rhabarber und Pestwurz, gemahnten sie an Schachtelhalmwälder und Riesenechsen, an eine Welt archaisch in ihren Maßen, gewaltiger als alles, was der Wald sonst bot, durchaus eine Bereicherung für unsere gemäßigten Zonen.

Es war Rüdiger, der uns im folgenden Jahr ein anderes Bild vermittelte von den eingeschleppten Pflanzen. Als er sie bei einem Spaziergang am Waldrand erblickte, ergriff ihn ein Zorn, den man sonst nicht an ihm kannte. Er zog sein T-Shirt aus, wickelte es sich um die Hände und riss die monströsen Pflanzen mitsamt Wurzeln aus, als machten sie ihm persönlich den Lebensraum streitig. An jenem Nachmittag eliminierte Rüdiger mehrere Hundert Pflanzen. Erst an einer Lichtung im Wald, wo offenbar schon jemand vor ihm gewütet hatte, war er wieder ansprechbar. Man dürfe sie nicht zur Blüte kommen lassen, erklärte er, die Herkules-Stauden breiteten sich aus wie die Pest. Ihr Saft rufe Verätzungen hervor. Ausrotten müsse man diese kaukasischen Monster, doch dazu sei es vermutlich schon zu spät.

Wenn wir Rüdigers Feldzug gegen die Migranten in unseren Wäldern noch belächelt hatten, sogar von einer unterschwelligen Xenophobie war die Rede gewesen, so wurden wir im Jahr darauf eines besseren belehrt. Überall im Wald, vor allem an Wasserläufen waren sie jetzt zu finden. Selbst am Straßenrand standen sie mit ihren unregelmäßig durchbrochenen Blättern; die größten Exemplare überragten bereits Ende Juni die vorbeifahrenden Autos. Jedermann kannte inzwischen die Herkules-Staude sowie ihre heimischen Verwandten aus der Familie der Doldengewächse: Wiesen-Bärenklau, Gemeiner Kerbel, Kümmelblättrige Silge, Kälberkropf, Hundspetersilie, Knorpelmöhre und Bärwurz. Die Namen waren geläufig, und auch wie groß sie werden konnten, einen Meter, vielleicht eins fünfzig, doch nicht zu verwechseln mit der gigantischen Herkules-Staude.

Im Hochsommer sah man morgens Dutzende von Stauden am Straßenrand liegen, so wie früher Seitenbegrenzungspfähle, die umzufahren einmal bei den Rowdys in Mode war. Freiwilligengruppen von Naturschützern durchkämmten die Wälder nach den gebietsfremden Neusiedlern, um die Dolden mit den reifen Samen zu vernichten. Sie versprachen sich eine nachhaltige Wirkung von ihren Säuberungsaktionen, denn die Samen, so glaubte man, würden bei ihrer Größe und ihrem Gewicht nicht über weite Entfernungen vom Wind hergetragen werden können. Was sich als Trugschluss erwies, denn im kommenden Jahr war die Herkules-Staude auch in den gesäuberten Wäldern keineswegs verschwunden, im Gegenteil, sie hatte sich weiter ausgebreitet und schien noch größer geworden zu sein.

Doch hatte die Pflanze beileibe nicht nur Feinde. Hobbygärtner, begeistert von Monstrositäten aller Art, holten sie sich in die Vorgärten und wetteiferten darum, das größte Exemplar zu ziehen. Es soll, dank intensiver Düngung und Pflege, eine Höhe von 3 Meter 40 erreicht haben, bei einem Stengel-, angemessener wäre vielleicht zu sagen, Stammumfang von 29 Zentimetern. Als die lokale Presse Bilder von den Giganten brachte, mit ihren stolzen Züchtern als Maßstab daneben, kam es zu den ersten öffentlichen Auseinandersetzungen um die Herkules-Staude. Anfangs mit Worten auf den Leserbriefseiten der Zeitungen, bald aber folgten Taten, und die Hobbygärtner sahen ihre rekordverdächtigen Pflanzen des Morgens am Boden liegen, manchmal inmitten eines verwüsteten Vorgartens. Der Verdacht fiel auf die Naturschützer, die im Gegenzug den Hobbygärtners vorwarfen, die Samen der Herkules-Staude in den Wäldern zu verstreuen, was wiederum erkläre, warum ihre Säuberungsaktionen des vergangenen Jahres erfolglos geblieben seien.

In diese Atmosphäre gegenseitiger Verleumdungen platzte die Nachricht von den riesigen Möhren, die man geerntet hatte, dick wie Kinderarme und bis zu 45 Zentimeter lang. Bei der Samenzucht musste eine Kreuzung stattgefunden haben und das Riesen-Gen von Heracleum mantegazzianum auf Daucus carota übertragen worden sein. Denn dass das übermäßige Wachstum genetisch bedingt war und nicht allein auf günstige Umweltbedingungen zurückzuführen, daran bestand kein Zweifel. Niemand wollte die Monstermöhren verzehren, nicht einmal an Schweine verfütterte man sie. Als Reaktion auf den Skandal wurde ab sofort verboten, die Herkules-Staude anzupflanzen, zu verbreiten oder fahrlässig zu ihrer Verbreitung beizutragen. Jede gesichtete Pflanze musste den örtlichen Feuerwehren gemeldet werden, die unverzüglich ausrückten, um die Dolden mit Lötlampen an Ort und Stelle zu versengen. Anschließend wurden die Stauden samt Wurzeln in geschlossenen Wannen zur nächsten Müllverbrennungsanlage transportiert.

Als dann im Spätsommer des Jahres der Karottensaft immer billiger wurde, kam allerorts der Verdacht auf, dass hinter dem Riesenwuchs der Herkules-Staude ein gentechnischer Betriebsunfall steckte. Ursprünglich sei es die Möhre gewesen, der man das Riesen-Gen implantiert habe, und dann sei das passiert, wovor die Kritiker dieser Technik immer gewarnt hätten, die unkontrollierte Ausbreitung des Genmaterials bei Freilandversuchen. Da konnte von offizieller Seite noch so oft beteuert werden, dass man Ursache und Wirkung miteinander verwechsele; der Preissturz beim Karottensaft allein auf die stark verminderte Nachfrage zurückzuführen sei und nicht auf angebliche Riesenerträge, die für eine Überproduktion gesorgt hätten.

Im Kielwasser der erhitzten Diskussion über die Gen-Industrie war nun auch die Kaukasien-Theorie nicht mehr zu halten. Als besonders perfide wurde gegeißelt, dass man versucht habe, bestehende Ängste vor einer massiven Zuwanderung aus dem Osten zu nutzen, um den Unfall zu kaschieren. Eine Zeitung titelte: Gen-GAU Fremdenangst aufgepfropft.

Von diesem Zeitpunkt an galt alles, was klein war, als begehrenswert, gesund und schön: Babymöhren, Mini-Erbsen, Prinzessbohnen, Cocktailtomaten, Zwergorangen und natürlich die winzig kleinen Walderdbeeren. Was auch nur ein wenig größer als gewöhnlich geraten war, kam in den Verdacht der gentechnischen Manipulation und blieb in den Regalen liegen. Die Preise von Obst und Gemüse stiegen umgekehrt proportional zu ihrer Größe, die Portionen in den Restaurants wurden entsprechend kleiner, und wer es sich leisten konnte, aß nur dort, wo auch der Salat als ganzes Köpfchen serviert wurde. Private Einladungen zum Essen begannen damit, dass man zum Aperitif gemeinsam das Gemüse schnitt, wobei man selbstverständlich auch mal ein Stück in den Mund steckte und immer öfter auf die weitere Zubereitung verzichtete, so dass die Rohkost einen ungeahnten Siegeszug antrat.

Bei einem dieser Abendessen trafen wir Rüdiger wieder, der inzwischen ein kleines Vermögen gemacht hatte mit der AUGIAS, der Gesellschaft zur AUsrottung Genetisch Infizierter Arten und Sorten mbH. Alles habe damit angefangen, dass er damals im Wald völlig ausgerastet sei, erzählte er. Wir könnten bezeugen, wie er gewütet habe gegen die Herkules-Stauden, und in seinem Furor habe er die Notwendigkeit erkannt – und die Chance, fügte er hinzu – für eine Firma, die alle Arten und Sorten von Mutanten großräumig auszurotten in der Lage sei. Natürlich nachhaltig, wenngleich man allein schon wegen der unberechenbaren Dynamik der Veränderungen im Erbgefüge unmöglich eine Garantie abgeben könne. Und dann gebe es leider Gottes immer noch diese Unverbesserlichen, die mutiertes Saatgut gezielt verbreiteten, um ein genetische Chaos anzurichten. Der Abend nahm leider noch einen unschönen Verlauf, als jemand den vergleich mit den Computerviren anstellte und die Analogie soweit trieb, dass Rüdiger sich gegen die Anschuldigung verwahren zu müssen glaubte, er selbst sei es, der die Mutanten verbreite, um sich dann an ihrer Beseitigung eine goldene Nase zu verdienen.

Während offizielle Stellen alles daran setzten, die Öffentlichkeit zu beruhigen, bemühten sich die üblichen Nicht-Regierungs-Organisationen um die Aufklärung des Skandals. Die Recherchen konzentrierten sich auf einen multinationalen Lebensmittelkonzern, der in mehreren ost- und mitteleuropäischen Ländern Lizenzen für Freilandversuche von gentechnisch veränderten Speisemöhren beantragt hatte. Eine umfassende Genehmigung war nirgendwo erteilt worden, doch hatte es Teilgenehmigungen für einzelne Versuchsphasen gegeben, die, wenn man den jeweiligen staatlichen Kontrollgremien Glauben schenken wollte, unter Einhaltung aller nur denkbaren Sicherheitsvorkehrungen durchgeführt worden waren. Der Konzern wusste die unterschiedliche Gesetzeslage in den einzelnen Ländern offenbar so geschickt zu nutzen und mit jeweils nationalen Interessen zu verschmelzen, dass man bald die Hoffnung aufgab, ihn als Verursacher des Gen-Gaus zur Rechenschaft ziehen zu können. Einziges Mittel gegen den Lebensmittel-Multi blieben Boykottmaßnahmen, wie sie sich schon einmal bei der versuchten Einführung von Gen-Mais als erfolgreich erwiesen hatten. Nur fuhr die Konzernspitze als Konsequenz aus der damals erlittenen Niederlage diesmal einen harten Konfrontationskurs und drohte jedem, der den Namen des Konzerns öffentlich mit den angeblichen Gen-Möhren in Zusammenhang brächte, mit einer millionenschweren Unterlassungsklage.

Um zu einer Versachlichung der Diskussion beizutragen, verbreitete das Umweltministerium eine Aufklärungsschrift über die Ausbreitung gebietsfremder Pflanzen, so genannter Neophyten. Solche von der Pflanzensoziologie auch als Neusiedler oder Kolonisten bezeichnete Wanderpflanzen, die nicht selten die heimische Flora in Unordnung brächten, seien ein alt bekanntes Phänomen, das in der Regel mit der Erschließung neuer Verkehrswege einhergehe. Die ursprünglich im Kaukasusgebiet heimische Herkules-Staude habe mit der Öffnung des Ostblocks Ende der 80er Jahre ihre Westwanderung angetreten, um sich in den folgenden Jahren in  ganz Europa anzusiedeln. Auf einer abgebildeten Ausbreitungskarte waren als Hauptstoßrichtung von Heracleum mantegazzianum die großen Ost-West-Trassen auszumachen. Mit ihren im Jahresrhythmus nach Westen vorrückenden Frontlinien und den besonders gekennzeichneten lokalen Ausbreitungsherden sollte die Karte den diffusen Ängsten entgegenwirken, die eine unkontrollierte Pflanzenwanderung zu schüren vermochte.

Als Beispiel für die ideologische Vereinnahmung eines gebietsfremder Neusiedlers wurde in der öffentlichen Diskussion immer wieder an Galinsoga parviflora erinnert, das sog. Franzosenkraut, das zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland auftauchte. Was als hinterhältige biologische Geheimwaffe des Erzfeindes verschrien wurde, war in Wirklichkeit ein aus Amerika eingeschleppter Neo-phyt, der den Landwirten diesseits und jenseits des Rheins gleich viel zu schaffen machte.

Den Rhein hat Heracleum mategazzianum längst überschritten, und es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die Pflanze auf ihrer Westwanderung auch in Amerika entdeckt wird. Man erwarte The Caucasian Invasion dort bereits mit einer Art vergnüglichen Spannung, die dennoch nicht ganz frei ist von der Sorge um die Folgen für die angestammte Pflanzenwelt. Bei der durchweg positiv geprägten Grundeinstellung vieler Amerikaner in Fragen der Gentechnik ist jedoch kaum damit zu rechnen, dass der Eindringling Reaktionen hervorrufen wird, wie sie der alte Kontinent erlebte.


Copyright: Rolf Schönlau

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